Roulette zieht zwei sehr unterschiedliche Spielertypen an: die einen jagen ein Gefühl, die anderen einen Datensatz. Dieser Artikel handelt von der zweiten Gruppe – Menschen, die Drehungen, Einsätze und Ergebnisse über Monate oder sogar Jahre protokollierten und danach versuchten, aus den Zahlen echte Schlüsse zu ziehen. Das Ziel ist nüchtern und faktenbasiert: zu zeigen, was langfristiges Tracking beweisen kann – und was nicht – auf Grundlage dokumentierter Beispiele und der Spielmathematik, so wie sie 2026 gilt.
Langfristiges Tracking beginnt meist mit einer direkten Frage: „Habe ich wirklich Pech – oder verhält sich Roulette genau so?“ Bei einem europäischen Single-Zero-Rad liegt der mathematische Hausvorteil bei rund 2,70 %. Beim amerikanischen Rad mit 0 und 00 beträgt er etwa 5,26 %. Diese Werte wirken in kurzen Sessions selten „spürbar“, weshalb viele Spieler anfangen, alles aufzuschreiben: Die Kosten entstehen schleichend und lassen sich ohne Daten leicht wegargumentieren.
Ein gutes Protokoll ist nicht nur eine Liste von Gewinnen und Verlusten. Nutzbare Aufzeichnungen enthalten in der Regel die Tisch- oder Radkennung, die Roulette-Variante, die genaue Wettart, Einsatzhöhe, Spieldauer sowie besondere Regeln (zum Beispiel „en prison“ oder „la partage“ bei französischen Even-Money-Wetten). Ohne diese Details lassen sich Sessions kaum sinnvoll vergleichen, und das Ergebnis wird eher zur Erzählung als zur Analyse.
Nach ein paar tausend dokumentierten Coups merken viele, wie unzuverlässig Erinnerung ist. Man behält dramatische Serien im Kopf und vergisst lange Phasen normaler Verläufe. Ein Logbuch ersetzt selektives Gedächtnis durch Zählwerte und Zeitstempel – und genau darin liegt sein grösster Nutzen, auch wenn die Zahlen nicht immer schmeichelhaft sind.
Grosse Stichproben verhalten sich häufig näher an den Wahrscheinlichkeiten: Serien passieren, Häufungen entstehen, und später nähert sich die Verteilung wieder dem Erwartungswert. Das bedeutet nicht, dass jede Zahl kurzfristig „gleich oft“ kommt. Es bedeutet, dass extreme Abweichungen mit wachsender Stichprobe seltener werden – aber nicht unmöglich.
Langfristige Logs zeigen auch, wie stark Schwankungen im Bankroll-Verlauf den Hausvorteil verdecken können. Manche Spieler weisen in ihren Tabellen monatelange Gewinne aus, besonders wenn sie während einer Glücksphase die Einsätze erhöht haben. Standardisiert man das Ergebnis jedoch pro eingesetzter Einheit (oder pro 100 Coups), sieht es oft anders aus: Varianz kann wie ein System wirken – bis ein unvermeidlicher Downturn die negative Erwartung offenlegt.
Ausserdem wird sichtbar, dass der Hausvorteil nicht der einzige Gegner ist. Tischlimits, Müdigkeit, Alkohol und „Entscheidungsdrift“ spielen eine grosse Rolle. Wer über Jahre trackt, wechselt häufig das Ziel: weg vom „Roulette schlagen“ hin zu kontrollierter Exposition – weil das Protokoll die realen Kosten des Nachjagens messbar macht.
Es gibt seltene, bekannte Fälle, in denen langfristiges Tracking nicht nur Selbstdisziplin war, sondern Teil einer Vorteilsmethode. Der gemeinsame Nenner war nicht Vorhersage oder ein Einsatzsystem, sondern Messung: Diese Spieler gingen davon aus, dass bestimmte Räder physische Unregelmässigkeiten aufwiesen und dadurch leicht „biased“ sein konnten.
Ein modernes Beispiel, das häufig genannt wird, ist Gonzalo García-Pelayo. In den frühen 1990er-Jahren soll er Tausende Coups dokumentiert, Häufigkeiten analysiert und dann gezielt auf Räder gesetzt haben, die er für verzerrt hielt. Berichte unterscheiden sich in Details und Summen, doch die Kernidee bleibt gleich: Der behauptete Vorteil stützte sich auf Bias-Erkennung durch umfangreiche Daten, nicht auf „heisse Zahlen“ oder Progressionen.
Ein weiterer historisch gut dokumentierter Name ist Dr. Richard Jarecki, der in den 1960er-Jahren in europäischen Casinos biased Wheels ausgenutzt haben soll. In seriösen Darstellungen ist der wiederkehrende Punkt: akribische Beobachtung und Protokollierung statt mystischer Tricks. Diese Geschichten haben auch ein ähnliches Ende: Sobald Casinos Wartung, Austausch oder Überwachung verstärkten, wurde das Zeitfenster kleiner oder schloss sich.
Was diese Fälle von typischen „Ich habe getrackt und ein Muster gefunden“-Behauptungen unterscheidet, ist Umfang und Struktur. Vorteilssuche bezog sich auf konkrete Räder – nicht auf Roulette im Allgemeinen. Ein Bias, falls er existiert, ist an ein physisches Objekt gebunden: Verschleiss in Fächern, Rotor-Probleme, Balllaufbahn, Leveling oder mechanische Toleranzen. Deshalb muss die Datensammlung rad-spezifisch sein.
Zur Geschichte gehört auch Joseph Jagger, ein englischer Geschäftsmann, der mit Monte Carlo in den 1880er-Jahren in Verbindung gebracht wird und für systematisches Erfassen von Ergebnissen zur Bias-Erkennung bekannt ist. Selbst wenn nicht jedes erzählerische Detail perfekt überliefert ist, bleibt das Prinzip: erst beobachten, dann auswerten, zuletzt setzen – und nur auf das identifizierte Rad.
Drei praktische Lehren wiederholen sich. Erstens muss die Stichprobe gross genug sein, um Zufallsrauschen von einer kleinen mechanischen Verzerrung zu trennen. Zweitens hängt alles davon ab, dass der Bias stabil bleibt. Drittens reagieren Casinos: Räder werden gewartet, getauscht oder ausgemustert. Darum sind diese Fälle historisch interessant, aber heute schwer reproduzierbar.

Stand 2026 führen die meisten Spieler Statistiken nicht, um in eleganten Sälen biased Wheels zu jagen. Sie tracken zur Selbstkontrolle: wie oft sie spielen, wie hoch sie setzen, ob sie nach Verlusten eskalieren und welche Varianten sie langfristig am meisten kosten. Dieses Tracking ist deutlich realistischer und wiederholbarer als die Jagd nach seltenen mechanischen Vorteilen.
Gleichzeitig ist Protokollieren heute einfacher. Viele nutzen eine Tabelle oder ein Formular am Handy, das Einträge mit Zeitstempel speichert. Der Nachteil: Bequemlichkeit senkt oft die Datenqualität. Wenn Regelwerk und Wettart fehlen, sind Sessions kaum vergleichbar. Ohne Standardisierung lassen sich weder „Kosten pro Stunde“ noch „Verlust pro 100 Coups“ zuverlässig einordnen.
Die härteste Erkenntnis, die gute Logs meist bestätigen, lautet: Bei gut gewarteten Rädern bleibt der Erwartungswert negativ. Ein Logbuch ändert die Mathematik nicht. Sein grösster Nutzen ist häufig verhaltensbezogen – weniger spielen, Varianten mit geringerem Hausvorteil wählen, klare Limits setzen – statt ein verlässliches „System“ zu finden.
Wenn dein Log belastbar sein soll, behandle es wie ein Laborjournal. Notiere Datum und Uhrzeit, Ort (oder Anbieter), Roulette-Typ (europäisch/amerikanisch/französisch), Sonderregeln, Spieldauer, Einsatzhöhe, Wettart und Ergebnis. Ergänze eine kurze Notiz zur Stimmung und Entscheidungsqualität – das erklärt extreme Ausschläge oft ehrlicher als jede Zahlenreihe.
Beim Auswerten hilft es, Cherry-Picking zu vermeiden. Schau auf das Ergebnis pro Einsatz-Einheit und pro Stunde, nicht nur auf „plus oder minus“. Trenne die Daten nach Roulette-Typ (Single Zero vs. Double Zero macht einen Unterschied). Mische Flat Betting und Progressionen nicht im selben Auswertungstopf, sonst verwischt das Risikoprofil und du liest die Resultate falsch.
Am wichtigsten: Nutze das Logbuch zum Schutz. Lege Limits (Zeit und Budget) im Voraus fest und behandle sie als Regeln, nicht als Vorschläge. Wenn deine Aufzeichnungen wiederholtes Chasing, Stressspiel oder eskalierende Einsätze nach Verlusten zeigen, ist das kein „Pech“, sondern ein Risikosignal. Dann ist die beste statistische Entscheidung oft, eine Pause zu machen und bei Bedarf Unterstützung zu holen.